My Mexican Way Of Life – Klappe die Zweite

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Inzwischen arbeite ich seit 6 Wochen im Casa María de Nazareth. Wie viele von Euch sicher wissen ist das Casa ein katholisches Mädchenheim, in dem zur Zeit 18 Jugendliche von 12 bis 16 Jahren leben.

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Natürlich bin ich das erste Mal mit einem mulmigen Gefühl im Bauch dort angekommen, denn von vielen Seiten kam vorher „Oh – die sind dort bestimmt richtig streng“ und mir wurde sanft beigebracht, dass ich damit rechnen muss, dass die Nonnen die Mädchen manchmal schlagen – davor hatte ich besonders Angst. Aber meine Sorgen waren – bis jetzt, aber ich hoffe das bleibt so – umsonst. Ich wurde von den Schwestern herzlich empfangen und habe das Gefühl, dass sie mich dort mit offenen Armen aufgenommen haben. So werde ich jeden Tag mit einem fröhlichen „Buenos diás, cómo estás“ begrüßt und meine Präsenz wird wertgeschätzt. Aber auch zu den Mädchen sind sie lieb: Da wird nicht selten auch mal geknuddelt.

Ein weiteres Familienmitglied ist Bambino:

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Von Tag zu Tag lebe ich mich im Casa mehr ein und habe inzwischen auch meine festen Aufgaben: Ich arbeite von Montag bis Freitag von 10-18 Uhr. Am Anfang war es etwas schwer und die Zeit hat sich ziemlich gezogen, ich konnte die Sprache noch nicht gut, die Mädchen kannten mich nicht – ich kannte sie nicht.

Aber jetzt bin ich einigermaßen drin im Alltag: Sechs der 18 Mädchen werden im Casa unterrichtet, der Rest ist bis um 13 bzw. 15 Uhr im Colegio.

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Wenn ich um 10 Uhr ankomme arbeiten die 6 Mädchen im bazar (dort werden Kleidung, Spielzeug, Schuhe, Küchenutensilien,… verkauft, die das Casa als Spende erhält),…

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…in der roperia (hier ist die ganze Kleidung, die für die Mädchen ist, wie ein kleines Geschäft), lernen oder machen eine andere Sache, die gerade ansteht. Um 11.30 Uhr ist dann erst einmal recreo, wir sitzen zusammen im comedor, essen und trinken eine Kleinigkeit und unterhalten uns.

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Danach geht es weiter mit dem arbeiten; es werden Armbänder, Ketten und Ohrringe gebastelt…

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…oder ein Raum des Casas ausgemistet, aufgeräumt und auf Vordermann gebracht. Um zwei gebe ich dann 30-40 min Tanzunterricht.

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Das war am Anfang mehr oder weniger zermürbend – sowohl für mich als auch für die Mädchen und ich war ziemlich enttäuscht, da ich mit meinen Tanzkindern beim Musical natürlich Tanzbegeisterung und Motivation erlebt habe. Hier ist das anders: Meine Mädchen haben bis auf Bachata- und Latinorhytmen – die wiederum ich nicht beherrsche – keinerlei Tanzerfahrung und ich muss ganz von vorne anfangen: Bei Koordination , Kondition, Körperhaltung und Basics. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man jemandem etwas beibringen möchte und derjenige sofort keine Lust mehr hat, sobald eine Bewegung nicht klappt. Dazu kam dann natürlich, dass ich alles auf Spanisch erklären muss. Alles nicht einfach. Alles nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Also habe ich dann meinen Laptop mit ins Projekt gebracht, den Mädchen Tanzvideos vom Musical und anderen Choreografien gezeigt und erklärt, dass sie Schritte und Bewegungen erst einmal ausporbieren müssen, um sie zu lernen und dass ich auch noch nicht immer alles so konnte wie jetzt, aber dass es auch von Tag zu Tag besser werden wird. Eine Choreografie habe ich dann sogar mit allen Mädchen gemeinsam erfolgreich einstudiert, aber Motivation war trotzdem nur bei zwei, drei Mädchen zu sehen. „Können wir nicht Bachata tanzen?!“ Tja…blöd wenn man das dann nicht kann. Da kommen sie dann auf einen zu, man sieht das Leuchten in ihren Augen, das man sich so sehr gewünscht hat – und muss erklären, dass man das nicht kann. Aber für mich stand fest: Irgendwas muss ich anders machen, irgendwie muss ich in ihnen doch Motivation und mehr Lust wecken können.

Jetzt habe ich mit Ballett angefangen – und endlich ein kleines Funkeln in ihren Augen geweckt. Ich merke, wie sie verstehen und lernen wollen, wenn ich ihnen etwas zeige oder vortanze und sie an sich arbeiten.

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Nach meiner clase de baile gibt es dann Mittagessen, wenn um drei alle Mädchen im Casa sind…

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…und danach wird das ganze Haus gefegt und gewischt…

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…die eigene Wäsche wird mit der Hand gewaschen…

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…und die Vorratskammer aufgeräumt (das ist mein Aufgabenbereich).

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Wenn das erledigt ist, werden Hausaufgaben gemacht und ich helfe hauptsächlich bei Englisch, habe aber auch schon erfolgreich mit einem Mädchen zusammen ein Gedicht auf Spanisch über den jaguar chiapaneco kreeirt – danach war ich aber stolz wie Oskar: Kreativ sein – und dann noch auf Spanisch.

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Außerdem ist jeden Mittwoch und Freitag von um 17 Uhr bis 17:30 Uhr eine halbe Stunde misa (Gottesdienst) und es kommt eine Psychologin ins Casa, die mit allen Mädchen spricht.

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Neben all‘ diesen Sachen wird dann aber auch mal Papayamarmelade gekocht…

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oder der Unabhängigkeitstag mit Spielen zelebriert und alle kochen gemeinsam:

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Mit meiner Mitfreiwilligen Elisabetta, die aber inzwischen wieder zurück in Italien ist, habe ich auch schon das erfolgreiche Experiment gestartet, den Mädchen die deutsche und italienische Küche mit Bratkartoffeln und Pasta näherzubringen:

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Meine Aufgaben bestehen also darin, für die Mädchen da zu sein, aufzupassen, dass sie ihre Aufgaben richtig und ordentlich machen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen und ihnen das Tanzen näher zu bringen. Nebenbei erledige ich dann Dinge, die gerade anstehen, wie die richtigen Schlüssel zu den passenden Schlössern zu finden (ich bin jetzt wirklich eine Schlüsselexpertin!!) oder aktuelle Dekorationen zu kreeiren – hier eines meiner Werke:

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Mit den Mädchen verstehe ich mich von Tag zu Tag besser und es gibt immer mehr Momente, in denen ich sie mehr in mein Herz schließe: Wenn sie so tun, als würden sie meine „Katzenaugen“ gegen ihre tauschen, wenn sie mich umarmen und mir sagen „Te quiero“, wenn sie fröhlich rufen „Hasta mañana!“ oder mir ihre Geschichten und Verliebtheiten anvertrauen. Wenn sie mich in meiner clase de bailet wissbegierig und motiviert fragen „Kannst du mir das nochmal zeigen?“ oder „Mache ich das richtig? Guck mal!“. Oder wenn sie mir ganz aufgeregt erzählen, dass sie mich beim Fußballspiel México contra Honduras (Mexiko hat übrigens 2:0 gewonnen) im Stadion im Fernsehen gesehen haben.

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