Die Einheit Zeit

„Ich blick zurück auf meine Spuren im Sand. Wie eine Linie – für immer eingebrannt. Sie erzählt eine Geschichte, von Anfang an bis ans Ende der Welt. Und ich fange an zu laufen gegen die Zeit.“

Oaxacaiphone 127


Zeit. Mal geht sie schnell, mal geht sie langsam. Mal rast sie. Dann wünschen wir uns manchmal, wir könnten sie zurückdrehen. Oder anhalten. Besonders die schönen Momente, die das Leben uns schenkt. Doch wäre es möglich, mal eben so auf Pause zu schalten, wären sie nicht mehr so kostbar, wir würden sie vielleicht irgendwann nicht mehr so schätzen, wenn sie nicht endlich wären. Und in unseren Erinnerungen so sorgsam hüten.

Zeit ist eine Einheit, die unberechenbar ist und auf die wir keinen Einfluss haben. Es sei denn, wir leben sie. Zeit erzählt Geschichten. Zeit erzählt von Liebe, von Erfahrung, von Glück und Erfolgen, von Weisheit und Schmerz. Sie zeichnet uns.

Momentan weiß ich gar nicht, ob meine Zeit hier in Mexiko rast oder schleicht. Irgendwie beides. Gleichzeitig. Mir wurde immer gesagt, dass die ersten Monate sich ein bisschen ziehen. Überschreitet man dann die ersten drei, vier Monate, erreicht ein bisschen später die Halbzeit, fliegen die Stunden, Tage und Monate nur so ins Lande. Blicke ich jetzt auf meine ersten Monate hier zurück, habe ich ehrlich gesagt nicht das Gefühl, sie hätten sich gezogen. Im Gegenteil. Gerade habe ich mich noch von meinen Mitfreiwilligen auf dem Ankunftsseminar verabschiedet, jetzt befindet sich in meinem Posteingang schon die Email mit der Einladung zum Mittelseminar im Januar. Und haben wir in wirklich schon in 22 Tagen Weihnachten? Weihnachtsferien und ein neuer Urlaub und Teil von Mexiko, die auf mich warten? Spiele ich dieses Gedankenspiel weiter, kommt nach dem Seminar schon mein Geburtstag. Pauls und meine Mitfreiwilligen, die inzwischen Freunde geworden sind, fliegen wieder gen Heimat. Ihr Jahr hier ist dann schon um. Eine Sache, die ich gedanklich lieber weiter in die Ferne schiebe. Neue Freiwillige kommen und damit hoffentlich auch wieder neue Freundschaften. Im März steht ganz dick in meinem Kalender eingetragen, dass meine Familie mich besuchen kommt. Sicherlich das, worauf ich mich mit am meisten im neuen Jahr freue: Erfahrungen und mein mexikanisches Leben mit ihnen zu teilen, ihnen mein zweites Zuhause stolz zu zeigen. 110 Tage bis dahin, zählt meine Handyapp. Genauso viele Tage, wie ich jetzt schon auf mexikanischem Boden lebe. Dann ist schon April, das Flugzeug bringt meine Familie über den Atlantik wieder in unsere Heimat und mich zu Jolanda und meinen Mitweiwilligen nach Mexiko City. Mai: Nochmal ein paar Tage frei, eine große fiesta im Casa anlässlich der Quinceañeras (15. Geburtstagskinder). Folgt Juni; Juli. Meine letzten vier Wochen: letzte Arbeitswoche im Casa, Abschlusscamp, Abschied. Abflug. Und am 2. august betrete ich dann nach einem Jahr zum ersten Mal wieder deutschen Boden.

Und so kann man sich gedanklich von Woche zu Woche hangeln. Fast wie ein Staffellauf, bei dem ein Ereignis den Stab an das nächste übergibt, ein Datum das andere ablöst. Und dazwischen jeden Wochentag meine Arbeit, meine Mädchen, die ich inzwischen so ins Herz geschlossen habe und von denen einige das Casa mit Jahresbeginn schon verlassen – hier möchte ich die Zeit am liebsten vor mir herschieben; anhalten, bevor der Januar beginnt. Gerade bereiten wir alles für Weihnachten, die Ferien und die Weihnachtsvorführung vor, tanzen und singen in den freien Minuten fleißig.

Natürlich, die ersten Monate waren in gewisser Weise schon die längsten, weil die erste Reise- und Urlaubszeit, die ich hatte, jetzt erst vor einer Woche war und die Ferien -an denen man ja meistens, wie in der Schule, Eckdaten festmacht – in der folgenden Zeit näher beieinander liegen. In meinem Kalender stehen mehr feste Ereignisse, Wochenendtrips waren ja eher spontan. Aber ich habe einfach so viele neue Eindrücke in mich aufgenommen. Und ich kann mir momentan schwer vorstellen, dass die zweite Hälfte schneller vergehen soll als die erste. Geht es wirklich noch schneller??

Aber gleichzeitig geht es anders herum auch langsam. Dann, wenn ich eine Karte oder Email von meinen Großeltern (Ihr seid die Besten!!) bekomme, die so lieb und herzlich geschrieben sind, dass mir beim Lesen die Tränen kommen und es sich so schrecklich lang anfühlt, bis ich sie endlich wieder sehe. Bis ich alle meine Lieblinge in Deutschland wieder in die Arme schließen kann.

Die Zeit, die ich hier bin, ist eben kurz. Aber die, die ich von Zuhause – meinem deutschen Zuhause – weg bin, ist lang. Mit diesen paar Worten hat Ben eigentlich ziemlich genau zusammengefasst, was man fühlt.

Und manchmal, wenn wir schon Pläne für die Zukunft schmieden, uns an der Vergangenheit festhalten – sei es, weil uns etwas immer noch beschäftigt oder weil wir so schöne Erinnerungen haben, die wir am liebsten noch einmal wiederholen würden, um sie noch bewusster zu leben, vergessen wir manchmal ganz das Hier und Jetzt: Wir hängen an der Vergangenheit, denken schon an morgen, anstatt mal inne zu halten und den Augenblick, den Moment zu genießen. Denn den kann man auch mit keiner Kamera festhalten. Wir müssen ihn leben. Uns daran erinnern, dass die Gegenwart das Entscheidende ist. Die Zeit, die wir gerade leben. In der wir lieben, lachen, weinen, verändern, lernen, sehen, schmecken, riechen und genießen können. In der wir fühlen und in der wir aktiv sind.

Hier in Mexiko lernt man das ein bisschen. Die Leute sind gelassen. Verpasst man einen Bus? Egal, nimmt man halt den nächsten. Es existiert nicht für alles und jeden Augenblick ein Plan. Spontanität. Schauen was passiert. Hier lebt man den Moment.

Oaxacaiphone 136

„Die wirkliche Zeit ist nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen. Alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben.“

„Momo“ – Michael Ende

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2 Kommentare zu “Die Einheit Zeit”

  1. Liebe Louisa, das hast Du wieder super geschrieben. Denk daran, nochmal die Braunschweiger Zeitung zu kontakten. Es ist wirklich besonders. Google mal nach Journalistenschulen ! Ich besorge am Donnerstag den Rock. Liebe Grüße Mama

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