Feliz Navidad – Das Jahr geht zu Ende

„…die Zukunft erwacht aus dem Dunkel der Nacht und die Träume verfliegen so schnell. Das Jahr geht zu Ende, die Kerzen verglüh’n. Doch das Licht leuchtet weiter in Dir.“

Rolf Zuckowski

Meinen letzten Beitrag habe ich dem Thema Zeit gewidmet, wie ihr euch bestimmt noch erinnert. Heute heißt es für mich „karibische Weihnacht“ – und jetzt sind es schließlich nur noch 6 Tage, bis wir das neue Jahr 2015 begrüßen: Schon wieder ein Jahr um und wir blicken auf neue 12 Monate, auf uns warten Träume, die erfüllt werden oder aber noch ein bisschen weiter geträumt werden wollen, neue Abenteuer, neue Erlebnisse, Leben.

Und hinter mir liegt wohl das das bis jetzt aufregendste Jahr meines Lebens: 2014. Ein Jahr voller wunderbarer Momente mit meinen Freunden und meiner Familie, viel Tanz und Musik, lernintensiven Stunden fürs Abitur und Abschiede – vor allem Abschiede und der Beginn von etwas Neuen und Unbekanntem: Im Januar habe ich den Beginn  neuer Freiheiten und das Ende meiner Kindheit mit allen meinen Liebsten gefeiert. Von da an hieß es dann nicht mehr „Mama kannst du mich fahren?“ sondern „Mama bekomm‘ ich das Auto?“. Die Tage, an denen das größte Problem noch ein aufgeschürftes Knie oder die Frage mit wem man sich am nächsten Tag zum Spielen verabredet war, sind vorbei. Aber trotzdem schadet es nicht, immer mal wieder ein bisschen Kind zu sein oder das geborgene Zuhause zu vermissen, während man die weite Welt erkundet.

Letzte On-Stage-Momente mit Ensembles, die inzwischen Familie geworden sind. Letzter Schultag. Und dann hieß es wortwörtlich „School’s out“ bis er auf einmal da war: Der Tag der ersten Abiprüfung. Der zweiten, dritten, vierten…fünften. Abi’s done – und meine Tage in Deutschland neigten sich dem Ende zu: Abientlassung, Abiball, Abschiedsparty, Abschied, Abflug.

Und dann saß ich auf einmal in Mexiko in einer neuen Stadt, bei einer neuen Familie, auf meinem neuen Bett – und hatte zum ersten Mal Zeit zum durchatmen und realisieren. Um zu begreifen, dass es den Alltag, der für mich normal war, jetzt so nicht mehr gibt – weder hier in Mexiko, noch in Deutschland. Und das ist schon ein komisches Gefühl. Eine Mischung aus Vermissen, Wehmut, Glücklichkeit und Vorfreude auf das Unbekannte, getragen von Erinnerungen an eine wunderschöne Schulzeit und Kindheit, Freundschaft, Liebe, unvergesslichen Momenten, Träumen und Wünschen.

Und jetzt bin ich hier und erlebe mexikanische Weihnacht, die doch ganz anders ist als die traditionelle Vorweihnachtszeit in Deutschland, sodass mir ein „es weihnachtet“ noch nicht so wirklich oft über die Lippen gekommen ist.

Dafür fehlen mir dann doch die Lebkuchen und Spekulatiuskekse, der Weihnachtsduft von selbstgebackenen Keksen und Tannennadeln, Tee, die Weihnachtsbäckerrei mit meiner Oma, Weihnachtsmarkt (Chiapas Alternative: Die Feria – eine Art Rummel, wo ich zum Ersten Mal in meinem Leben bei so einem tollen Spiel ein Kissen gewonnen hab – Erfolgserlebnis!) und Adventskranz – Dinge, auf die ich mich im nächsten Jahr schon wieder freue und unteranderem Deutschland zu meinem ersten Zuhause machen, sodass ich die Frage meiner Tante „Ob ich denn überhaupt wieder kommen würde?“ schmunzelnd bejahen kann; was natürlich nicht heißt, dass mir der Abschied hier leicht fallen wird – aber daran denke ich einfach noch gar nicht.

Weihnachten in Deutschland ist schon etwas Besonderes, aber jedes Land hat eben seine eigene Weihnachtszeit. Hier in Mexiko heißt das, dass fast jedes Haus sich in seiner Pracht mit blinkenden Lichterketten präsentiert – obwohl Weihnachtsmänner oder Schneeflocken dann doch ein bisschen befremdlich auf mich wirken – bei 30 Grad und strahlend blauem Himmel. In meinem Haus gibt es bis auf die Lichterketten und die Krippe…

...hier noch ohne Jesuskind
…hier noch ohne Jesuskind

keine Weihnachtsdeko, keinen Adventskranz und keinen Tannenbaum – die hier überwiegend aus Plastik sind. Dafür hängt an meiner Wand jetzt eine Lichterkette mit drei Weihnachtskugeln und ich muss sagen, dass es doch immer heimeliger wird in meinem kleinen Reich.

Mexikoiphone update dezember 376

Gerade sitze ich bei Starbucks, schmecke die Weihnachtsspecials, im Hintergrund läuft Weihnachtsmusik, schreibe. Und wenn ich mich ganz darauf konzentriere, die Welt draußen vorm Fenster ausblende, dann fühle ich mich vielleicht doch ein kleines bisschen weihnachtlich oder eher besinnt – zufrieden. Ist Weihnachten nicht auch die Zeit der Besinnung?

Wovon ich jeden Falls  reichlich hatte, waren die Weihnachtsfeiern. Die posada meiner Organisation war die erste. Hauptteil war dann auch die posada: Man stellt sich in einer kleinen Gruppe draußen vor die Tür und bittet – nach der Weihnachtsgeschichte der Bibel – mit einem Lied um Unterschlupf, bis man schließlich eintreten darf und im Schein von (Wunder-) Kerzen das Jesuskind in die Krippe legt. Ein weiterer mexikanischer Brauch ist die piñata:  Ein mit Süßigkeiten gefülltes Bastelwerk, das alle möglichen Formen, Größen und Farben haben kann und an einem Seil aufgehängt wird. Mit verbundenen Augen wird über die Dauer des Piñataliedes versucht, das Kunstwerk mit einem Stab zu zerschlagen….bis es dann endlich jemand schafft und es den süßen Inhalt regnet, auf den sich natürlich vor allem die Kinder stürzen. Einzige Schwierigkeit: Die Höhe beziehungsweise Tiefe der Piñata ist duch das Seil, an dem gezogen wird, ständig veränderbar.

Posada mit Siijuve

In der folgenden Woche war ich dann mit zwei kleinen Gruppen meiner Mädchen einmal im Kulturzentrum von Tuxtla bei einer kleinen Weihnachtsfeier mit Krippenspiel, Entertainment und Geschenken und in dem Albergue, in dem meine Mitfreiwilligen Ben und Paul arbeiten.  Dort empfingen uns Musik,  Hüpfburg, verkleidete, bunt bemalte Animateure, Pizza, Cupcakes und jede Menge Spaß. Während die Entertainer ihr Können zum Besten gaben, endlich alle Kinder (die Jungs des Albergues sind jünger als meine Mädchen, ich fand sie ja Zucker, aber Ben und Paul meinten „Das täuscht, die können auch ziemlich anstrengend sein“) an den Tischen saßen, meinte meine Direktorin dann plötzlich zu mir „Jetzt weiß ich an wen du mich erinnerst! An Tinkerbell – klein, blond, Dutt). Fand ich ja schon ganz schmeichelnd mit einer Elfe verglichen zu werden :-).

Der wirklich krönende Abschluss meiner Feierrei war dann die Pastorela (Krippenspiel) im Casa. Alle Mädchen in ihre Kostüme gesteckt, ein bisschen Farbe auf Wangen, Lippen und Wimpern und dann hatten meine 4 Ballerinenengelchen ihren großen Auftritt – eingebettet ins Krippenspiel, bei dem alle Mädchen mitgewirkt haben. Mit „In dulci jubilo“, das ich zusammen mit Angeles, einem meiner Mädchen geübt habe, neigte sich unser Auftritt dann dem Ende zu – ein voller Erfolg: Strahlende Augen der Mädchen und des Publikums.

22.12.14 066

Nachdem ich dann den einen oder anderen – einschließlich meiner Gastfamilie – in die Arme geschlossen hatte gab es Tamales – übrigens eines meiner Lieblingsgerichte hier – und die mexikanische Version von Glühwein – und natürlich fröhliches Piñatazerschlagen. Und dann war er auf einmal vorbei: mein letzter Arbeitstag im Casa für 2014.

In der gleichen Woche ist dann auch endlich mein – inzwischen schon verschollen geglaubter – Adventskalender angekommen. So langsam gewinne ich das Vetrauen in die mexikanische Post ja zurück…

Gestern hat dann schließlich (fast) die ganze Welt nach und nach Noche Buena gefeiert – jedes Land auf seine eigene Weise.  Aber eines haben sie wohl alle gemeinsam: Es ist die heilige Nacht, Zeit für Familie, Besinnung und Frieden – Fest der Liebe. Hier in Mexiko ging das ganz eigentlich erst richtig am Abend los. In meiner Familie wurden die Geschenke ausgetauscht, das Jesuskind in die Krippe gelegt und dann haben sich alle der Ruiz-Familie, die in Tuxtla sind, im Haus eines Onkels versammelt. Und da hatte ich dann auch meinen Tannenbaum.

Weihnachten'14 009

Was vielleicht die meisten interessiert, ist das Essen: Botana (Fingerfood) – gibts eigentlich fast immer vorab. Truthahn – gehört hier wohl zu den typischen Weihnachtsgerichten. Desweiteren wurde das kleine Buffet von Nudeln, einem süßen Weihnachtssalat mit Apfel, Wallnuss und Ananas und Cupcakes geziert. Also saßen wir dann alle gemeinsam zusammen, während im Hintergrund Micheal Bublé seine Weihachts-Deluxe-Edition zum Besten gab.

Es fällt mir schwer, das jetzt in Worte zu fassen, denn einerseits ist das Weihnachtsfest gleich. Aber trotzdem ist es anders. Mein Unterbewusstsein hat mir leise zugeflüstert, dass etwas so nicht stimmt, dass etwas anders ist. Anders als normal eben. Für mich heißt Weihnachten, dass ich mit meiner deutschen Familie Weihnachtslieder singe, alle gemeinsam auf das Glöckchen des Christkindes warten, dann die liebevoll ausgesuchten Geschenke mit von Dankbarkeit und Liebe leuchtenden Augen ausgepackt werden, die Weihnachtsgeschichte. Die Wärme, die einem im Haus erwartet, wenn man nach der Kirche nach Hause kommt, gemütlich beisammen sitzt. Dass Weihnachten in Deutschland sehr viel mehr traditionell ist und – da ich es nicht anders kannte – vielleicht auch festlicher: Essen mit Kerzenlicht, ein bisschen mehr Besinnung und zur Ruhe kommen. So kenne ich Heiligabend, so war Weihnachten bei mir 18 Jahre lang. Kommen hier Familie oder Freunde zusammen, werden Klapptische und Pappteller rausgeholt – ist ja, wenn man darüber nachdenkt, auch sehr schlau, da weniger Aufwand: Packen alle mit an, ist alles im Handumdrehen wieder hergestellt.

Weihachten wird auf der ganzen Welt gefeiert. Aber das was es vielleicht anders – jedoch nicht unbedeutender, vielmehr vielleicht ungewohnt – macht, ist eine neue Umgebung, andere Menschen mit anderen Traditionen, mit denen man es feiert.

Weihnachten'14 006

Und gerade deshalb bin ich froh, in einer so liebevollen mexikanischen Familie aufgenommen worden zu sein.

Weihnachten'14 021

Meine Gastgeschwister Ana & Gustavo
Meine Gastgeschwister Ana & Gustavo

Jetzt bleibt mir eigentlich nichts anderes mehr zu sagen als:

Feliz Navidad!

Ich wünsche Euch allen wundervolle und erholsame Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Eure Lou

24.12.14 080

 

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