6 Monate, 184 Tage , 4.416 Stunden, 264.960 Minuten, 15.897.600 Sekunden

Alle diese Einheiten beschreiben die Zeit, die ich jetzt schon in Mexiko lebe. Und sie bedeuten noch etwas: Halbzeit. Aber ist mein Glas jetzt schon halb leer oder noch halb voll? Schon halb leer fühlt mein Herz manchmal, wenn mich das Vermissen dann mal wieder übermannt und mir sagt ,Die Hälfte hast du schon geschafft.‘. ,Noch halb voll‘ denke ich aber ganz klar – mit Blick auf all‘ die Erlebnisse, die mich noch erwarten, die Orte, die ich noch kennen lernen möchte. In diesen ersten sechs Monaten habe ich Mexiko kennen- und lieben gelernt und bis auf etwas Heimweh und diesen und jenen krankheitsbedingten Tag im Bett, kann ich nur schwärmen. Natürlich: Aller Anfang ist schwer. Aber so ist das eben. Abschied ist der beste Freund von Fernweh. Die beiden gibt es nur im Doppelpack. Und Abschied heißt ja immer auch, dass etwas neues kommt. Vermissen, dass man ein Zuhause und Menschen hat, die man liebt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Ich habe gewonnen: Eine zweite Familie, neue Freunde, „meine“ Mädchen, ein zweites Zuhause. Mit all‘ seinen Traditionen, mit seiner Kultur, seinen kulinarischen Köstlichkeiten, seinen Menschen und ihrem mexikanischen Way of Life.

Amiguitos
Amiguitos

In einigen Alltagsdingen kann ich mich inzwischen auch schon als mexikanisch beinflusst bezeichnen: Ich komme zu spät. Benutze inzwischen gekonnt auch so manches Regionalvokabular, das meine Gastfamilie regelmäßig zum Schmunzeln bringt, bin spontaner.

Trotzdem gibt es immer noch ein paar Kuriositäten, bei denen man – mehr oder weniger fasziniert – zweimal hinschauen muss, um sich zu vergewissern, dass es wirklich passiert. Da gibt es die Frauen, die sich erfolgreich und gekonnt auf der ruckeligen Combifahrt ihr Make Up auflegen und sich die Wimpern mit einem Löffel in Form biegen. Oder die Mütter, die ihre Kinder in aller Öffentlichkeit stillen.

Ich habe mir hier meinen eigenen Alltag aufgebaut, der sich meistens aus Ballettunterricht, Pilates und meiner Arbeit mit den Mädchen zusammensetzt: Im Casa wurde ich rückblickend super herzlich von den Schwestern aufgenommen und mir wird jeden Tag gezeigt, wie sehr ich hier willkommen bin. Damit hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Ich habe mich auf ein streng katholisches Projekt eingestellt, bei dem die Erziehungsmaßnahmen anders sind, als in Deutschland, die Mädchen vielleicht mal geschlagen werden, wo ich mich an Kleidungsrichtlinien halten muss und eventuell auch mal schroffer angesprochen werde. Aber nichts der gleichen. Ich verstehe mich mit allen super, habe eine verständnisvolle Direktorin und die Mädchen inzwischen in mein Herz geschlossen. Auch wenn das Eis zwischen uns natürlich erst einmal brechen musste, aber jetzt beziehen sie mich immer mehr in ihr Leben mit ein, erzählen von sich aus über Freundschaft und Familie, lassen mich an ihrem Leben teilhaben; haben Vertrauen aufgebaut und lassen sich auch gerne mal umarmen. Inzwischen habe ich mich hier im Casa deshalb gut eingelebt, habe meinen Teil der Verantwortung und Aufgaben. Sei es einfach nach den Mädchen zu schauen, aufzupassen dass sie ihre Aufgaben ordentlich machen oder ihnen Tanzunterricht zu geben, Armbänder zu basteln und die monatliche Dekoration der Themenwand zu übernehmen; kann endlich ein wenig selbständiger sein. Unser neustes „Projekt“ ist die Uhr und wir haben mit Englischunterricht angefangen, der den Mädchen wirklich viel Spaß macht: Sogar danach singen sie die Lieder, die das Workbook ergänzen, noch vor sich hin.

Aber das war nicht immer so. Anfangs fiel es mir ziemlich schwer, was vor allem daran lag, dass sich meine Vorstellungen, die sich auf die Projektbeschreibung aufgebaut haben, nicht mit dem, was mich letztlich erwartet hat, gedeckt haben. Ich war darauf eingestellt, Mathe und Englisch zu unterrichten, verschiedene Workshops anzubieten, an denen die sechs bis achtzehn jährigen Mädchen gerne teilnehmen würden, wie mir gesagt wurde. Aber die Mädchen, die ich kennengelernt habe, sind nicht 6 bis 18 Jahre alt sondern 12 bis 16. Erwartet hat mich also eine Altersgruppe, mit der ich vorher keinerlei Erfahrung gemacht habe, dessen Altersunterschied zu mir minimal ist. Am Anfang habe ich viel zugeschaut und dabei schnell gemerkt, dass meine Aufgaben andere sein werden, als die, die das Projektprofil nennt, was vielleicht auch daran liegt, dass die Projektleitung gewechselt hat. Das hat es mir schwerer gemacht, war ich doch so motiviert, wollte von dem Englisch- und Tanzwissen, das ich habe, etwas an die Mädchen abgeben, meine kreative Ader mit ihnen teilen. Meine Fähigkeiten einbringen. Stattdessen habe ich einfach mit den Mädchen ihren sehr getakteten Alltag gelebt, in dem gar keine Zeit für Englischunterricht oder mehr Eigeninitiative blieb: Kleidung nach Eigengebrauch und Verkauf sortiert, den Bazar aufgeräumt und für den Mittwochmorgen hergerichtet, an dem Menschen kommen, um größtenteils Kleidung zu kaufen, den begehbaren Kühlschrank durchsortiert und aussortiert, Material für die Themenwand ausgeschnitten, aufgeräumt, ab und an mal Armbänder gebastelt und bei Englischhausaufgaben geholfen. Zweimal die Woche ist außerdem eine halbe Stunden Gottesdienst.

Gerade in dieser Zeit ist mir bewusst geworden, wieviel die Mädchen arbeiten. Dass sie nicht selbst entscheiden dürfen, wann sie sich ausruhen wollen, wann sie Hausaufgaben machen. Nein. Sie waschen ihre Wäsche mit der Hand, halten das Haus sauber, helfen in der Küche. Verlassen tun sie das Casa kaum. Und doch sage ich mir immer wieder, dass es den Mädchen im Casa sehr gut geht: Sie haben Essen, Kleidung, bekommen Schulbildung. Manche sind im Grundschulalter arbeiten gegangen – aus eigener Entscheidung – weil in ihren Familien kein Geld für Essen da war. Einige kennen ihre Familien kaum oder gar nicht. Ich hingegen habe vom Kleinkindalter an eine musikalische und tänzersiche Erziehung genießen dürfen, erinnere mich noch wie ich nachmittags einfach bei Freunden geklingelt und gefragt habe, ob sie Zeit zum spielen haben. Bin schon so viel gereist, kenne es nicht, wenn auf einmal kein Essen mehr da ist, aber vor Allem: Ich habe eine intakte Familie. Meine Mädchen haben mich zum Nachdenken gebracht. Zum Reflektieren darüber, was für eine schöne Kindheit und Erziehung ich hatte und dass das nicht selbstverständlich für jedes Kind ist.

Mein Arbeitsalltag hat sich geändert, als ich dann endlich meine Stunde Tanzunterricht am Tag realisieren konnte. Neu motiviert habe ich Musik rausgesucht und wollte mit „Basics“ und einfachen Choreografien des Genre Musical anfangen. Dachte, dass mache den fünf Mädchen, die auch morgens im Casa sind, bestimmt Spaß und ist eine willkommene Abwechslung zu den normalen Alltagsaufgaben. Aber Pustekuchen. Sie hatten keine Lust, klappt alles nicht, sie können das nicht, basta. Mit Engelszungen habe ich versucht, sie jeden Tag aufs Neue zu motivieren: „Natürlich kann man das nicht unbedingt von jetzt auf heute, aber jeden Tag wird es besser, wenn man es übt. So war das bei mir doch auch: Poco a poco.“, habe ihnen Videos von meinem Tanzunterricht aus Deutschland gezeigt, damit sie sehen, was man am Ende schaffen kann. …bis ich dann selbst keine Motivation mehr hatte. Trotzdem hat mich das nicht in Ruhe gelassen und schließlich habe ich den passenden Schlüssel zum Schloss gefunden: Ballett. Und auf einmal war sie da, die Tanzbegeisterung: Die Augen haben geleuchtet, sie wollten verstehen, sie wollten lernen und es richtig machen. Ganz einfach haben wir angefangen, mit Positionen und Armbewegungen, bis ich dann mit ihnen als Engel verkleidet bei der Weihnachtsfeier getanzt habe: strahlende Augen der Mädchen und des Publikums. Meine Hauptaufgabe sehe ich zwar immer noch darin, einfach mit den Mädchen zu leben, ihren Alltag zu begleiten und für sie da zu sein. Dort zu helfen, wo man mich gerade braucht und aufzupassen, dass Aufgaben sorgfältig erledigt werden, aber inzwischen habe ich mich angepasst und darauf eingestellt. Eben gerade deshalb, weil mir meine Mädchen ans Herz gewachsen sind und ich meine behaupten zu können, ich ihnen auch. Hier herrscht einfach eine herzliche Atmosphäre (was natürlich nicht heißt, dass nicht auch mal ein paar Tränen bei den Mädchen kullern oder es Streitereien gibt). Seit Beginn des Jahres ist es ruhiger und der Alltag der Mädchen nicht mehr ganz so strikt, weshalb inzwischen alle Mädchen, die nicht aufs colegio zur Schule gehen, eine selbstgebastelte Uhr besitzen und am verstehen sind. Ich habe die Englischhefte und Cds aus meiner Grundschulzeit wieder hervorgekramt und habe endlich auch dafür Zeit mit den Mädchen. Seit der Weihnachtsfeier im Dezember hat sich also einiges verändert und die Vertrauensbasis ist gewachsen, weshalb auch das Unterrichten super läuft. Ebenso beim Tanzunterricht, den ich inzwischen auf nachmittags verlegt habe und mit allen 17 Mädchen gemeinsam Choreos für bestimmte Anlässe einstudiere.

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Da heißt es plötzlich nicht mehr „No quiero bailar“, sondern wenn mal jemand nicht aufpasst „Jetzt hör doch zu, Louisa erklärt gerade, du musst das so tanzen und nicht so.“

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Ansonsten helfe ich bei den Hausaufgaben, backe Pfannenkuchen à la Alemania, die mir die Mädchen quasi aus der Pfanne weggegessen haben und unterhalte mich viel mit ihnen. Das was mein Projekt auszeichnet ist wirklich die Herzlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde und die jetzt auch bei den Mädchen zu spüren ist. Man muss sich einleben und anfangs wirklich Geduld haben, vor allem mit den Mädchen. Denn zunächst waren sie eher zurückhaltend, manchmal frech; jetzt habe ich sie alle 17 in mein Herz geschlossen. Aber auch, um seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und mehr Eigeninitiative einbringen zu können.

Ein konkretes Bild von Mexiko hatte ich bis zu meiner Ankunft nach einer Reise um die halbe Erdkugel nicht wirklich, außer den paar Gesprächen mit ehemaligen Freiwilligen, Projekt- und Landesbeschreibungen meiner Organisationen, Stereotyp, Wikipedia und den eher erschrockenen Reaktionen („Viel zu gefährlich! So weit weg! Drogenkriege! Kriminalität! Entführung!“ … und womit die eher einseitig berichtenden Medien die Kreativität noch so gefüttert haben). Die „Notbremse“ habe ich trotz Abschiedsmelancholie und der genannten Besorgnisse nicht gezogen. Ich war entschlossen, ein neues Land kennenzulernen. Und das habe ich. Erwartungen? Das, was man mir über mein Projekt erzählt hat. Wünsche? Wenig Heimweh, ein neues Zuhause finden, Ankommen.

Und jetzt bin ich hier. Kann aus eigener Erfahrung berichten und die Befürchtungen, die so mancher hatte, bis jetzt besänftigen. Ja – Mexiko hat auch seine dunkle Seite, gerade erst vor kurzem sind die 43 Studenten verschwunden, hier gibt es Armut und Gewalt. Aber das allein charakterisiert ein Land nicht. Ich fühle mich hier sicher. Denn Mexiko hat so viel mehr Seiten. Mexiko ist vielseitig. Mexiko ist bunt. Das habe ich bis jetzt gesehen. All‘ die lieben und herzlichen Menschen, die ihre Häuser bunt anmalen, in denen man immer herzlich willkommen ist, wie sie betonen, die Vielfalt und Ästhetik der Natur. Fröhliche, tanzende Menschen in traditionellen Trachten bei einem Straßenfestival. Das zeichnet dieses Land für mich aus. Ein Land, das ein Stück meines Herzens gewonnen hat.

All‘ die Jahre, all‘ die Stunden, all‘ die Tage und Sekunden. Auf dass die Zeit die mir verbleibt, mich noch einmal zu dir treibt.“

All die Jahre – Philipp Poisel

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Ein Kommentar zu “6 Monate, 184 Tage , 4.416 Stunden, 264.960 Minuten, 15.897.600 Sekunden”

  1. Ina B:W: ina.borchel.waldmann@gmx.de

    Liebe Louisa, ich verfolge ja immer fleißig deinen Blog und freue mich sehr über deine ausführlichen, ehrlichen und witzigen Geschichten und Erlebnisse…danke dafür, dass du es uns allen in der „alten Heimat“ ermöglichst, auf so umfassende Weise an deinen Erlebnissen teilzuhaben. Ich selbst sitze – natürlich mal wieder – an den Vorbereitungen für das nächste Stück im Lessingtheater…

    Herzliche Grüße INA

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