Momentsammlerin

Ein ziemlich persönlicher Post, den ich ein paar ganz besonderen Personen widme: Meinen besten Freundinnen.

Ich hake mich bei meiner besten Freundin unter, die mir eben noch geholfen hat, in der engsten Parklücke, in der ich je geparkt habe, einzuparken. Wir gehen in Richtung Haustür, klingeln und warten auf das Summen, das die Entriegelung der Tür andeutet. Ein paar Treppenstufen später werden wir an der Tür schon von einer Freundin empfangen, schlüpfen herein und sehen die anderen, die darauf warten, den letzten Schultag, der hinter uns liegt,mit uns zu zelebrieren.

Ich sitze im Auto und fahre im Licht der Dämmerung, die den Himmel orange färbt. Aus dem Radio dringt ein neuer Song und ich bin einfach nur glücklich. Mit allem.

Finale. Die Bühne bebt und wir geben alles. Stecken unser ganzes Herzblut, unsere gesamte Leidenschaft in diese letzten Minuten. Wir blicken auf ein Publikum voll leuchtender Augen. Die Stimmung hat ihren Höhepunkt erreicht – auf beiden Seiten. Und dann geht das Licht aus. Ich falle meiner Freundin in die Arme und das Glücksgefühl ist überall um uns herum zu spüren. Als das Licht wieder angeht, streift mein Blick über tosenden Applaus – Standing Ovations. Das haben wir gemeinsam geschafft.

Und dann wird mein Name aufgerufen. Zwei Minuten später halte ich mein Abiturzeugnis in der einen und eine rote Rose in der anderen Hand, sehe meine Familie stolz im Publikum sitzen. Schülerin, Abiturientin und auf einmal bin ich Ehemalige. Eine Stunde später stehe ich mit meinen Freundinnen und einem Sektglas auf dem Schulhof. Zwölf Jahre Schule hinter mir. Und acht davon verbinde ich mit diesem Schulgebäude, aber vor allem acht Jahre Freundschaft, acht Jahre voller wunderbarer Momente, acht Jahre Erinnerungen: Hand in Hand bis zum Abi.

„Ein Hoch auf das was vor uns liegt, dass es das Beste für uns gibt. Ein Hoch auf das was uns vereint, auf diese Zeit. Ein Hoch auf uns. Auf unser Abi.“ Auf einmal singen wir unsere Abschiedshymne auf dem Abiball. Abschied von diesem Lebensabschnitt, Abschied von der Schule, wissen nicht, wann wir uns wieder sehen. Aber daran denken wir heute nicht. Heute feiern wir – unser Abi und uns. Und tanzen bis in den nächsten Morgen hinein.

 Mein Kopf weiß, dass diese Zeit vorbei ist – aber mein Herz sehnt sich: Wehmut. Fernweh nach vergangenen Momenten. Ich hole mein altes Tagebuch hervor und bin froh, dass ich alles aufgeschrieben habe und es mir jederzeit durchlesen kann. Ich schaue mir Videos und Fotos an, will gleichzeitig lachen und weinen. Lachen weil ich mit all‘ diesen Erinnerungen so wunderschöne Momente verbinde. Weinen, weil es Erinnerungen bleiben werden; so nicht wiederholbar. Nebenbei läuft auf Spotify eine Playlist, die ich während der Abizeit erstellt habe und auf einmal bin ich in der Zeit zurückgereist. Fühle und erinnere mich ganz genau. An die Tanzschule, an Musicalproben und –aufführungen, Mittagspausen in der Creperie, Vapianoabende, Kino und Schulpausen. An Extraproben im Winter, bei denen es um 17 Uhr schon dunkel war und wir während der Pausen Lebkuchen gegessen haben. An selbsterarbeite Projekte: Bunte Abende und ein Musicalprojekt. An achzehnte Geburtstage, Abientlassung, den Abiball und so viel mehr. Ich vermisse die Schulzeit, diese Unbeschwertheit, weil man immer wusste, was nach den Ferien kommt. Ich vermisse, dass wir immer zusammen waren. Und dann weiß ich auf einmal gar nicht mehr, warum mich das alles so melancholisch stimmt. Weil es so wunderschöne und unvergessliche Erlebnisse sind? Ich glaube, weil ich sie mit Euch erlebt habe. Weil diese Lieder mich daran erinnern, wie viel Spaß wir gemeinsam hatten, was wir zusammen erlebt haben und es unvorstellbar schien, dass diese Zeit jemals enden wird. Weil ich diese Momente, mit so tollen Menschen teilen konnte. Weil es etwas Besonderes ist. Und wahrscheinlich auch, weil es jetzt vorbei ist. Sich so weit weg anfühlt. Nicht nur zeitlich sondern auch räumlich. 9.500 Kilometer eben.

Wenn ich jetzt mit meinen Freunden skype, erzählen sie von Umzügen, Rechnungen und Steuern. Von bestandenen und nicht bestandenen Prüfungen und von Vorlesungen. Sie sind weg, wohnen fast alle in anderen Städten, studieren. Ich bin hier, am anderen Ende der Welt und hänge an Erinnerungen fest. Für mich existiert dieser neue Lebensabschnitt meiner Freunde bis jetzt nur in der Vorstellung – und am liebsten würde ich in die Welt zurückkehren, die ich vor einem Jahr verlassen habe, die Welt, die ich kenne. Aber die gibt es so nicht mehr. Und das weiß ich auch eigentlich. Ich werde melancholisch, so richtig will ich das nicht wahrhaben. Doch beim Anschauen der Videos und Bilder, während ich mich an die letzten Jahre erinnere, wird mir auf einmal klar, dass wir erwachsen geworden sind. Selbstständig. Gespräche tiefgründiger und zukunftsorientierter. Noch vor zwei Jahren konnten wir gar nicht schnell genug erwachsen werden, haben den achzehnten Geburtstagen entgegengefiebert, dem allerletzten Schultag. Und jetzt ging es mir zu schnell. Obwohl ich mir dessen bewusst war und mir gesagt habe, dass ich jeden Moment genießen muss. Vielleicht fällt es mir so schwer, weil ich aus dieser Lebenswelt nach Mexiko geflogen bin, bevor sich alles grundlegend verändert hat. Nicht dabei war, als meine Freunde umgezogen sind und nach den Sommerferien nicht wieder zur Schule sondern zur Uni gegangen sind. Vielleicht weil mein Herz zu sehr an den Erinnerungen hängt. Vielleicht weil ich so weit weg bin. Vielleicht weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass ich in Deutschland nicht mehr jeden wichtigen Moment mit Euch zusammen erleben kann.

Aber letztendlich ist das nicht der Punkt. Denn am wichtigste ist es, dass es überhaupt Erinnerungen gibt. Momente, die unvergesslich sind. Eine Zeit, an die wir uns auch noch in 30 Jahren gerne zurückerinnern. Am wichtigsten ist es, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren und neue unvergesslich schöne Momente schaffen.

„Das kann uns keiner nehmen. Lasst uns die Gläser heben. Das kann uns keiner nehmen. Die Stadt wird hell und wir trinken aufs Leben.“ (Revolverheld)

 

 

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